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Zur Geschichte der Nestle-Aland Ausgabe

Eberhard Nestle

Eberhard Nestle legte 1898 die erste Ausgabe seines Novum Testamentum Graece vor, eine Ausgabe, die auf einer einfachen wie zu gleich genialen Grundidee basierte, um die Erkenntnisse der damaligen Textkritik in eine für Studium, Schule und kirchliche Praxis taugliche Handausgabe des griechischen Neuen Testaments einfließen zu lassen. Er legte seiner Ausgabe drei damals maßgebliche wissenschaftliche Editionen des griechischen Neuen Testaments zugrunde, nämlich die von Tischendorf, Westcott/Hort und Weymouth. (Seit 1901 ersetzte er die letztere durch die Ausgabe von Bernhard Weiß 1894/1900.) Nestle verglich deren Textentscheidungen miteinander und wählte für seinen eigenen Text an den Stellen, wo sich Differenzen zwischen den zugrunde gelegten Referenzausgaben ergaben, diejenige Variante, die von zwei Ausgaben bevorzugt wurde, und setzte die abweichende Lesart der dritten Ausgabe in den Apparat.

Der textkritische Apparat in allen von Eberhard Nestle verantworteten Auflagen der Handausgabe war nur rudimentär. Erst sein Sohn Erwin Nestle fügte in der 13. Auflage von 1927 einen einheitlichen kritischen Apparat bei, der die wichtigsten Lesarten und ihre Bezeugung in Handschriften, alten Übersetzungen und Kirchenväterzitaten enthielt. Aber auch diese Notate waren nicht direkt aus den Primärquellen, sondern allein aus den Ausgaben geschöpft.

Kurt Aland

Dies änderte sich seit den Fünfzigerjahren, nachdem Kurt Aland in die Arbeit am Nestle eingetreten war und begann, die Apparateinträge anhand der griechischen Handschriften und der Kirchenvätereditionen zu verifizieren und wo nötig zu korrigieren. Diese Phase gipfelte 1963 in der 25. Auflage des Novum Testamentum Graece, deren spätere Drucke bereits den Markennamen „Nestle-Aland“ auf dem Einband trugen.

Einen grundlegenden Neuansatz markierte dann 1979 die 26. Auflage: War bisher in der Geschichte der Ausgabe das Prinzip der Textkonstitution die Übereinstimmung der Mehrheit der herangezogenen kritischen Editionen gewesen, so wurde jetzt ein auf der Basis des inzwischen gesammelten und ausgewerteten Materials neu konstituierter Text vorgelegt, der u. a. durch die Einbeziehung der frühen Papyri und anderer Handschriftenfunde den Stand der Textkritik des 20. Jahrhunderts repräsentierte. Dieser Text war identisch mit dem der schon 1975 veröffentlichten 3. Auflage des UBS Greek New Testament (GNT), weil beide Ausgaben im Laufe der parallelen Arbeiten an ihnen immer mehr zusammengewachsen waren. Schon im Jahre 1955 war Kurt Aland zusammen mit Matthew Black, Bruce M. Metzger, Alan Wikgren, Arthur Vööbus und später Carlo Martini (seit 1982 auch Barbara Aland und Johannes Karavidopoulos) in das Herausgebergremium des Greek New Testament berufen worden.

Die erste Auflage des Greek New Testament erschien 1966 mit einem an die Ausgabe von Westcott und Hort angelehnten und von der 25. Auflage des Nestle-Aland abweichenden Text, was auch für die zweite Auflage gilt. In die Arbeit an der dritten Auflage, konnte Kurt Aland seine Textvorschläge, die er im Zusammenhang mit der Erarbeitung der 26. Auflage des Nestle-Aland gewonnen hatte, einbringen, sodass die Textkonstitution beider Editionen im Laufe der Zeit zusammenwuchs und für beide Handausgaben ein identischer Text erstellt werden konnte. Beide textidentischen Ausgaben unterscheiden sich aber weiterhin in ihrer äußeren Gestalt und im Aufbau ihrer jeweiligen Apparate, da sie verschiedenen Zielsetzungen verpflichtet sind: Das Greek New Testament richtet sich primär an Übersetzer und will ihnen einen zuverlässigen griechischen Ausgangstext mit einem textkritischen Apparat zu den Stellen zur Verfügung stellen, an denen die überlieferten Varianten für die Übersetzung relevant sind. An diesen ausgewählten Stellen wird dann die Bezeugung in möglichst vollständiger Breite geboten. Die Aufgabe des Novum Testamentum Graece, das primär für die Wissenschaft, den akademischen Unterricht und die pfarramtliche Praxis gedacht ist, ist es dagegen, die in der Ausgabe vorliegende Rekonstruktion des griechischen Ausgangstextes kritisch nachvollziehbar und überprüfbar zu machen.

Der Text der 26. Auflage des Nestle-Aland wurde auch der 27. Auflage zugrunde gelegt, der Apparat aber einer weitgehenden Revision unterzogen. Dies geschah mit der Begründung, dass „der Zeitpunkt für Textänderungen aus vielerlei Gründen noch nicht gekommen“ sei. Inzwischen hat sich die Lage für einen Teil des Neuen Testaments allerdings insoweit geändert, als die Editio Critica Maior (ECM) der Katholischen Briefe vorliegt und hier der Text auf der Basis des gesamten relevanten Handschriften- und Quellenmaterials neu konstituiert werden konnte. Mit Zustimmung des gemeinsamen Herausgebergremiums von Nestle-Aland und Greek New Testament werden daher die Textentscheidungen der ECM in den Text dieser Neuauflage übernommen.